Fingerabdruck des Steinzeitkünstlers

Menschen haben den Werkstoff Ton offenbar früher regelmäßig genutzt als bislang angenommen. In der Höhle Vela Spila in Kroatien sind Ausgräber auf Fragmente modellierter Figürchen gestoßen, die Künstler bereits vor  17 000 Jahren, also noch während der letzten Eiszeit, geschaffen haben. „Wir beginnen zu verstehen, dass einige paläolothische Gesellschaften Kunst aus keramischem Material lange vor der Jungsteinzeit vor 10 000 Jahren erzeugt haben, als Keramik größere Verbreitung fand und in der Regel für Gebrauchsgefäße verwendet wurde”, sagt der Anthropologe Preston Miracle von der University of Cambridge. Das größte der 36 Fragmente stellt den Torso und die Vorderbeine eines Tieres dar. Ein anderes wurde mit gleichmäßigen Reihen von Eindrücken verziert, wie sie etwa beim Gebrauch eines Stichels entstehen. Auf einigen der Stücke sind sogar noch die Fingerabdrücke des Steinzeitkünstlers zu erahnen.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 32/2012.

Vom Piraten zum Vampir

Ein Eisenstab ragte aus der Brust des Mannes, der auf dem Gelände des Nicolai-Klosters im bulgarischen Sozopol bestattet worden war. Für die Archäologen, die sein Skelett jetzt untersuchen, ein klarer Fall: Seine Zeitgenossen hatten den Mann für einen Vampir gehalten und wollten so verhindern, dass es des Nachts zum Blutsaugen aus seinem Grab aufsteht. Nach eingehenden Nachforschungen glaubt der Ausgräber Boschidar Dimitrow auch den Namen des vermeintlich Untoten zu kennen. Bei dem „Vampir von Sozopol” handele es sich wahrscheinlich um einen Mann namens Kriwitsch – einen berüchtigten Piraten und Banditen, der einst zum Bürgermeister der Stadt aufgestiegen war. Zu seinen Lebzeiten im 14. Jahrhundert galt Kriwitsch als schlechter Herrscher, der die Einwohner der Stadt terrorisierte. Nach seinem Tod hatten die Bürger von Sozopol Angst, dass er, weil seine Seele ihrer Ansicht nach niemals in den Himmel gelangen konnte, eines Nachts wiederkehren  und Tieren und Menschen das Blut aussaugen werde. Zwar mochten sie ihm nicht den Platz nahe der Klosterkirche verweigern, der ihm als Stadtoberhaupt zustand. Doch rammten sie ihm als Vorsichtsmaßnahme den Stab durch die Brust. Das Gebiss des Toten allerdings, beschwichtigt Dimitrow, weise nicht die Vampir-typischen Merkmale auf.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 26/2012.

Maulwürfe als Helfer

Whitney Castle, ein römisches Fort in Nordengland, unterliegt dem Denkmalschutzgesetz – und das verbietet dort Grabungen. Deshalb freuen sich die Forscher über ein Heer kleiner Hilfskräfte: Maulwürfe. Da die Tiere keine Gesetze lesen können, wühlen sie beharrlich römische Artefakte an die Oberfläche. Im April siebten drei Dutzend Hobbyarchäologen unter den strengen Augen der Aufsichtsbehörde English Heritage die Maulwurfshügel durch ­– und förderten so römisches Tischgeschirr, ein Stück wertvoller Tafelkeramik und die Perle einer Halskette zutage. Schon im vergangenen Jahr hatte ein Maulwurf ein delphinförmiges Bronzestück aus dem Erdreich gebuddelt, wahrscheinlich der Handgriff eines antiken Wasserhahns. Mit ihrer Arbeit helfen die Tiere auch, wichtige wissenschaftliche Fragen zu beantworten: So fanden die Archäologen jede Menge Nägel in der Maulwurfserde. Damit ist wahrscheinlich: Die Römer bauten die Gebäude ihres Außenpostens nicht aus Stein, sondern aus Holz.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 19/2012.

Kannibalische Neandertaler

Die Neandertaler verspeisten offenbar ihre Verwandten. Die Anthropologin Hélène Rougier von der California State University Northridge hat mit ihrem Team neue Hinweise auf Kannibalismus unter den Urzeitmenschen gefunden. Die Forscher untersuchten eine Sammlung von Knochen, die bereits vor über 100 Jahren aus einer belgischen Höhle geborgen wurden. Dabei konnten sie drei Neandertaler-Individuen identifizieren, an deren Knochen vergleichbare Schnittspuren zu sehen sind wie an den beiliegenden Knochen geschlachteter Tiere. Auf der Jahrestagung der „American Association of Physical Anthropologists“ erklärte Rougier, die Neandertaler könnten das Fleisch von Artgenossen entweder als Teil eines Rituals verzehrt haben oder in Notzeiten, um ihren Hunger zu stillen.  Nachdem sie das Fleisch von den Knochen geschabt hatten, bestatteten die Neandertaler die Überreste ihrer Opfer in einfachen Gräbern.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 18/2012.

Tod im Heuhaufen

Im spätmittelalterlichen England starben überraschend viele Menschen in der wärmeren Jahreszeit. Darauf ist der britische Historiker Steven Gunn von der Oxford University durch Auswertung von rund 9000 Leichenbeschauerberichten des 16. Jahrhunderts gestoßen. Seiner Studie zufolge kamen die Menschen zwischen April und September vor allem bei der Arbeit um. Viele wurden damals durch Wind- oder Wassermühlen zerquetscht oder fielen bei der Obsternte vom Baum. Tätigkeiten in der mittelalterlichen Holzwirtschaft waren am gefährlichsten. Regelmäßig wurden Arbeiter etwa beim Sägen von Bäumen erschlagen; häufig gerieten Holzladungen ins Rutschen. Aber auch die Plackerei auf dem Feld erwies sich als riskant. Die bizarrsten Arbeitsunfälle: Mitunter wurden Landarbeiter während eines Nickerchens vom Heuhaufen begraben und erstickten darunter.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 17/2012.

Walfangboot des Alaska-Kriegers

Forscher sind auf das weltweit einzige bekannte Kajak eines Alutiiq-Kriegers gestoßen. Der Fund wird derzeit am Peabody Museum an der Harvard University untersucht. Um das Jahr 1860 baute der unbekannte Mann das Boot, indem er die Häute von fünf weiblichen Seelöwen über ein ausgeklügeltes Holzskelett spannte. Mit dem Kajak ging er dann vermutlich in den Gewässern um Kodiak Island auf Walfang. Die außergewöhnliche Konstruktion mit einem gegabelten Bug ermöglichte es ihm, besonders kräftesparend übers Wasser zu gleiten. Die heute noch in Südalaska lebenden rund 4000 Angehörigen der Volksgruppe wissen über die seetüchtigen Boote ihrer Vorfahren nur noch wenig. „Über 7000 Jahre Erfahrungen stecken in der Konstruktion dieses Kajaks”, sagt der Anthropologe Sven Haakanson, selbst ein Alutiiq. Bei den Analysen wollen die Wissenschaftler herausfinden, womit der Konstrukteur die Seelöwenhaut imprägnierte und von welchen Tieren die Sehnen stammen, mit denen die Häute zusammengenäht wurden. Auch für einige Strähnen Menschenhaar nahe dem Bug interessiert sich Haakanson: „Vielleicht verkörpern sie den Geist einer mächtigen Persönlichkeit, die dem Eigentümer im Krieg oder beim Walfang half.” Die heute lebenden Alutiiq benutzen moderne Boote.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 16/2012.

Promi-Werbung für die Armee

Stars aus der Welt des Sports wurden in der Antike offenbar gezielt eingesetzt, um junge Männer für den Dienst in der römischen Armee zu begeistern. Belegt ist dies zumindest für die Stadt Oinoanda im Südwesten der heutigen Türkei. Dort warb vor rund 1800 Jahren der erfolgreiche Ringer und Athlet Lucius Septimius Flavianus Flavillianus Rekruten für die römischen Legionen an, wie eine in der Zeitschrift „Anatolian Studies” veröffentliche Inschrift verrät. Dem Text zufolge eskortierte Flavillianus die Männer anschließend selbst in die Stadt Hierapolis. Das Charisma des Ausnahmekämpfers tat offenbar seine Wirkung: Die Jugend folgte seinem Werben in Scharen. Von den Siegen des Athleten im Ringen und im Pankration, einer besonders blutigen Kampfsportart, berichten auch andere Inschriften in der Stadt. „Dank seiner immensen Berühmtheit fiel es Flavillianus wahrscheinlich leicht, Freiwillige zusammenzutrommeln”, erklärt Studienautor Nicholas Milner vom British Institute in Ankara.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 15/2012.

Keltische Biker-Bräute

Die Kelten waren äußerst trinkfest und kleideten sich gerne auffällig und farbenfroh. Die Zeitgenossen schilderten es, und die Archäologin Bettina Arnold von der University of Wisconsin in Milwaukee machte nun auch entsprechende Funde. Bei der Untersuchung von 2600 Jahre alten Gräbern des frühkeltischen Fürstensitzes Heuneburg am Oberlauf der Donau fand die Ausgräberin Bier- und Met-Kessel – einen davon sogar noch vollständig intakt. Die Kleidung inspizierten die Forscher mit Hilfe einer unkonventionellen Methode: Sie gruben die Toten nicht aus, sondern bargen sie in Blöcken mit dem gesamten Erdreich und schoben sie in den Computertomografen. Statt Schnallen und Ösen einzeln aus dem Boden zu holen, konnten sie nun in dreidimensionaler Darstellung sehen, wie die Kelten diese am Gewand trugen. Dabei entdeckten die Archäologen bei mehreren Frauen Ledergürtel mit Tausenden kleiner Bronzenieten darauf. „Ich nenne sie die eisenzeitlichen Biker-Bräute”, sagt Ausgräberin Arnold. An der Metalllegierung klebten noch Stoffreste – genug für die Forscher, um die Farben und Muster der Textilien bestimmen zu können. Ihr Befund: Die Damen liebten besonders knallrot.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 14/2012.

Gelehrter hinter Gittern

Es gibt Orte, an denen man keine begnadeten Hieroglyphen-Experten vermutet. Dennoch steht als Adresse unter einem Kommentar in der März/April-Ausgabe im Fachblatt „Biblical Archaeology Review” das Gefängnis im kalifornischen Tehachapi. Dort sitzt der Gefangene No. J81861, Timothy Fenstermacher, ein. Der heute 40-Jährige landete vor 16 Jahren nach einer Meeserstecherei im Knast. Dort begann er, die ägyptische Hieroglyphen-Schrift zu erlernen. Die Pappen seiner Milchkartons dienten ihm als Karteikarten. Er beschrieb sie mit Hieroglyphen und lernte diese dann bei den Workouts im Gym auswendig. Mittlerweile korrespondiert er mit Ägyptologen auf der ganzen Welt. Bücher und Aufsätze schicken ihm Freunde; er selbst hat weder Geld noch einen Internetzugang. Was er nach seiner Entlassung in einem Jahr machen will? Vielleicht einen Truck fahren, sagt er – oder ein Buch über ägyptische Grabmalerei schreiben.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 13/2012.