Infos

Sie befinden sich in den Archiven der Kategorie Spiegel (Printausgabe).

Mai 2012
M D M D F S S
« Apr    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  

Archiv der Kategorie Spiegel (Printausgabe)

Maulwürfe als Helfer

Whitney Castle, ein römisches Fort in Nordengland, unterliegt dem Denkmalschutzgesetz – und das verbietet dort Grabungen. Deshalb freuen sich die Forscher über ein Heer kleiner Hilfskräfte: Maulwürfe. Da die Tiere keine Gesetze lesen können, wühlen sie beharrlich römische Artefakte an die Oberfläche. Im April siebten drei Dutzend Hobbyarchäologen unter den strengen Augen der Aufsichtsbehörde English Heritage die Maulwurfshügel durch ­– und förderten so römisches Tischgeschirr, ein Stück wertvoller Tafelkeramik und die Perle einer Halskette zutage. Schon im vergangenen Jahr hatte ein Maulwurf ein delphinförmiges Bronzestück aus dem Erdreich gebuddelt, wahrscheinlich der Handgriff eines antiken Wasserhahns. Mit ihrer Arbeit helfen die Tiere auch, wichtige wissenschaftliche Fragen zu beantworten: So fanden die Archäologen jede Menge Nägel in der Maulwurfserde. Damit ist wahrscheinlich: Die Römer bauten die Gebäude ihres Außenpostens nicht aus Stein, sondern aus Holz.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 19/2012.

Kannibalische Neandertaler

Die Neandertaler verspeisten offenbar ihre Verwandten. Die Anthropologin Hélène Rougier von der California State University Northridge hat mit ihrem Team neue Hinweise auf Kannibalismus unter den Urzeitmenschen gefunden. Die Forscher untersuchten eine Sammlung von Knochen, die bereits vor über 100 Jahren aus einer belgischen Höhle geborgen wurden. Dabei konnten sie drei Neandertaler-Individuen identifizieren, an deren Knochen vergleichbare Schnittspuren zu sehen sind wie an den beiliegenden Knochen geschlachteter Tiere. Auf der Jahrestagung der „American Association of Physical Anthropologists“ erklärte Rougier, die Neandertaler könnten das Fleisch von Artgenossen entweder als Teil eines Rituals verzehrt haben oder in Notzeiten, um ihren Hunger zu stillen.  Nachdem sie das Fleisch von den Knochen geschabt hatten, bestatteten die Neandertaler die Überreste ihrer Opfer in einfachen Gräbern.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 18/2012.

Tod im Heuhaufen

Im spätmittelalterlichen England starben überraschend viele Menschen in der wärmeren Jahreszeit. Darauf ist der britische Historiker Steven Gunn von der Oxford University durch Auswertung von rund 9000 Leichenbeschauerberichten des 16. Jahrhunderts gestoßen. Seiner Studie zufolge kamen die Menschen zwischen April und September vor allem bei der Arbeit um. Viele wurden damals durch Wind- oder Wassermühlen zerquetscht oder fielen bei der Obsternte vom Baum. Tätigkeiten in der mittelalterlichen Holzwirtschaft waren am gefährlichsten. Regelmäßig wurden Arbeiter etwa beim Sägen von Bäumen erschlagen; häufig gerieten Holzladungen ins Rutschen. Aber auch die Plackerei auf dem Feld erwies sich als riskant. Die bizarrsten Arbeitsunfälle: Mitunter wurden Landarbeiter während eines Nickerchens vom Heuhaufen begraben und erstickten darunter.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 17/2012.

Walfangboot des Alaska-Kriegers

Forscher sind auf das weltweit einzige bekannte Kajak eines Alutiiq-Kriegers gestoßen. Der Fund wird derzeit am Peabody Museum an der Harvard University untersucht. Um das Jahr 1860 baute der unbekannte Mann das Boot, indem er die Häute von fünf weiblichen Seelöwen über ein ausgeklügeltes Holzskelett spannte. Mit dem Kajak ging er dann vermutlich in den Gewässern um Kodiak Island auf Walfang. Die außergewöhnliche Konstruktion mit einem gegabelten Bug ermöglichte es ihm, besonders kräftesparend übers Wasser zu gleiten. Die heute noch in Südalaska lebenden rund 4000 Angehörigen der Volksgruppe wissen über die seetüchtigen Boote ihrer Vorfahren nur noch wenig. „Über 7000 Jahre Erfahrungen stecken in der Konstruktion dieses Kajaks”, sagt der Anthropologe Sven Haakanson, selbst ein Alutiiq. Bei den Analysen wollen die Wissenschaftler herausfinden, womit der Konstrukteur die Seelöwenhaut imprägnierte und von welchen Tieren die Sehnen stammen, mit denen die Häute zusammengenäht wurden. Auch für einige Strähnen Menschenhaar nahe dem Bug interessiert sich Haakanson: „Vielleicht verkörpern sie den Geist einer mächtigen Persönlichkeit, die dem Eigentümer im Krieg oder beim Walfang half.” Die heute lebenden Alutiiq benutzen moderne Boote.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 16/2012.

Promi-Werbung für die Armee

Stars aus der Welt des Sports wurden in der Antike offenbar gezielt eingesetzt, um junge Männer für den Dienst in der römischen Armee zu begeistern. Belegt ist dies zumindest für die Stadt Oinoanda im Südwesten der heutigen Türkei. Dort warb vor rund 1800 Jahren der erfolgreiche Ringer und Athlet Lucius Septimius Flavianus Flavillianus Rekruten für die römischen Legionen an, wie eine in der Zeitschrift „Anatolian Studies” veröffentliche Inschrift verrät. Dem Text zufolge eskortierte Flavillianus die Männer anschließend selbst in die Stadt Hierapolis. Das Charisma des Ausnahmekämpfers tat offenbar seine Wirkung: Die Jugend folgte seinem Werben in Scharen. Von den Siegen des Athleten im Ringen und im Pankration, einer besonders blutigen Kampfsportart, berichten auch andere Inschriften in der Stadt. „Dank seiner immensen Berühmtheit fiel es Flavillianus wahrscheinlich leicht, Freiwillige zusammenzutrommeln”, erklärt Studienautor Nicholas Milner vom British Institute in Ankara.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 15/2012.

Keltische Biker-Bräute

Die Kelten waren äußerst trinkfest und kleideten sich gerne auffällig und farbenfroh. Die Zeitgenossen schilderten es, und die Archäologin Bettina Arnold von der University of Wisconsin in Milwaukee machte nun auch entsprechende Funde. Bei der Untersuchung von 2600 Jahre alten Gräbern des frühkeltischen Fürstensitzes Heuneburg am Oberlauf der Donau fand die Ausgräberin Bier- und Met-Kessel - einen davon sogar noch vollständig intakt. Die Kleidung inspizierten die Forscher mit Hilfe einer unkonventionellen Methode: Sie gruben die Toten nicht aus, sondern bargen sie in Blöcken mit dem gesamten Erdreich und schoben sie in den Computertomografen. Statt Schnallen und Ösen einzeln aus dem Boden zu holen, konnten sie nun in dreidimensionaler Darstellung sehen, wie die Kelten diese am Gewand trugen. Dabei entdeckten die Archäologen bei mehreren Frauen Ledergürtel mit Tausenden kleiner Bronzenieten darauf. „Ich nenne sie die eisenzeitlichen Biker-Bräute”, sagt Ausgräberin Arnold. An der Metalllegierung klebten noch Stoffreste - genug für die Forscher, um die Farben und Muster der Textilien bestimmen zu können. Ihr Befund: Die Damen liebten besonders knallrot.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 14/2012.

Gelehrter hinter Gittern

Es gibt Orte, an denen man keine begnadeten Hieroglyphen-Experten vermutet. Dennoch steht als Adresse unter einem Kommentar in der März/April-Ausgabe im Fachblatt „Biblical Archaeology Review” das Gefängnis im kalifornischen Tehachapi. Dort sitzt der Gefangene No. J81861, Timothy Fenstermacher, ein. Der heute 40-Jährige landete vor 16 Jahren nach einer Meeserstecherei im Knast. Dort begann er, die ägyptische Hieroglyphen-Schrift zu erlernen. Die Pappen seiner Milchkartons dienten ihm als Karteikarten. Er beschrieb sie mit Hieroglyphen und lernte diese dann bei den Workouts im Gym auswendig. Mittlerweile korrespondiert er mit Ägyptologen auf der ganzen Welt. Bücher und Aufsätze schicken ihm Freunde; er selbst hat weder Geld noch einen Internetzugang. Was er nach seiner Entlassung in einem Jahr machen will? Vielleicht einen Truck fahren, sagt er - oder ein Buch über ägyptische Grabmalerei schreiben.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 13/2012.

Kurzes Glück der Freiheit

Auf der Insel St. Helena im Südatlantik haben englische Archäologen einen Sklavenfriedhof ausgegraben. Das Eiland beherbergte im 19. Jahrhundert nicht nur den französischen Diktator Napoeleon für die letzten Jahre seines Lebens, sondern war auch Auffanglager der britischen Royal Navy für befreite Sklaven. Viele der Geretteten waren aber offenbar so krank und entkräftet, dass sie die Freiheit nicht lange überlebten. Zwischen 1840 und 1872 transportierte die Royal Navy rund 26000 befreite Sklaven nach St. Helena - von denen vermutlich über 5000 auf der Insel umkamen. In England selbst war der Sklavenhandel seit 1807 verboten. Trotzdem wurden weiterhin Gefangene von Afrika in die Karibik auf die dortigen Zuckerrohr- und Baumwollplantagen verschleppt. Insgesamt konnten die Briten rund 1600 Sklavenschiffe aufbringen und 150000 Afrikaner aus den Ketten befreien. Der Friedhof wurde bei Vorarbeiten zum Bau eines neuen Flughafens auf St. Helena entdeckt.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 12/2012.

Griechen in Not

Auch für Ausgrabungen fehlt in Griechenland derzeit das Geld. Griechische Archäologen sind deshalb dazu übergegangen, neue Funde lieber nicht auszugraben, als sie an der Oberfläche verfallen zu lassen. „Mutter Erde ist die beste Beschützerin für unsere Altertümer”, erklärte Michalis Tiverios von der Aristoteles-Universität Thessaloniki am Rande eines Kongresses in Athen. Auf sein Betreiben bleiben etwa Reste einer frühchristlichen Kirche in Thessaloniki unangetastet, die vor zwei Jahren entdeckt worden sind. „Lasst unsere Altertümer in der Erde, damit Archäologen sie 10000 nach Christus finden können - wenn die Griechen und ihre Politiker mehr Respekt für ihre Geschichte gelernt haben”, fordert Tiverios. Ein weiteres Problem sind die Plünderer: Auch für Sicherheitspersonal, das die Altertümer bewacht, ist kaum Geld da. Unlängst machten sich Raubgräber über den antiken Friedhof von Pella her, der einstigen Hauptstadt des Makedonenreiches unter Alexander dem Großen. Auf dem Areal wurden verstorbene Herrscher oft mit reichen Goldbeigaben bestattet. „Im Jahr 2011 konnten wir dort nicht arbeiten”, beklagt sich Grabungsleiter Pavlos Chrysostomou. „Wir fanden aber zehn neue Gruben vor, die nicht wir geschaufelt hatten.”

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 11/2012.

Apps gegen das Sprachsterben

Von den rund 7000 Sprachen, die auf der Welt gesprochen werden, wird vermutlich die Hälfte bis zum Ende des Jahrhunderts verschwunden sein. Um möglichst viele doch noch zu retten, setzen Linguisten auch auf Smartphones und das Internet. Unter anderem gibt es jetzt eine App für Anishinaabemowin - eine nordamerikanische Indianersprache, die rund um die Großen Seen verbreitet war. Zusammen mit Kollegen hat die Linguistin Margaret Noori (die noch von ihren Eltern Anishinaabemowin gelernt hat) von der University of Michigan acht „Talking Dictionaries” vorgestellt: digitale Wörterbücher, mit denen man sowohl Vokabeln als auch die korrekte Aussprache einer aussterbenden Sprache lernen kann. So lassen sich bereits Anwendungen für Tuwinisch, eine Sprache aus der Mongolei und Sibirien, sowie für das indische Ho finden. Ihrer Tochter erklärte Noori: „Du kriegst nur dann ein iPhone, wenn du mir SMS mit unserer App schreibst.”

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 10/2012.