Die Fasern der Neandertaler

Die Neandertaler haben möglicherweise schon vor 90000 Jahren die Kunst beherrscht, Pflanzenfasern zu Zwirn zusammenzudrehen. Das schließt ein Team um den US-Archäologen Bruce Hardy aus Proben, auf welche die Forscher an einer französischen Fundstelle gestoßen sind. Die entdeckten Fasern hätten, wie die Archäologen bei Experimenten nachgewiesen haben, nicht mit anderen Techniken so verdreht werden können. Sollten dies tatsächlich Reste eines handgefertigten Zwirns sein, wäre dies ein Beleg dafür, dass die Neandertaler bereits mit Schnüren hantierten – bisher galt diese Kulturleistung als eine Erfindung des Homo spaiens: Die ältesten Zwirnfunde sind knapp 20000 Jahre alt.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 49/2013.

Krank zur Arbeit

Die Frau war keine Schönheit. Sie litt am so genannten Klippel-Feil-Syndrom, einem Gendefekt, bei dem der Hals kurz und unbeweglich wird. Eine Schiefstellung könnte die Gesichtszüge verzogen haben, auch die Schultern standen nicht gerade. Doch trotz der Gebrechen lebte die Frau zur Zeit der späten Postklassik (1200 bis 1520) im heutigen mexikanischen Bundesstaat Oaxaca als vollwertiges Mitglied ihrer Gemeinschaft, des Volkes der Mixteken. Das schlossen die Anthropologin Martha Alfaro Castro und ein Ärzteteam des Hospital Civil de Oaxaca aus der Untersuchung des entsprechenden Knochenfunds. Die Skelettteile zeigen, dass die Mixtekin arbeitete wie alle anderen auch; sie trug Lasten auf dem Rücken und kniete wohl oft auf dem Boden, etwa wenn sie Essen zubereitete. Der Dame von damals ist nun eine Ausstellung im Historischen Regionalmuseum von Ensenada im mexikanischen Bundesstaat Baja California gewidmet. Zu den Fotos der Knochen hat der Künstler Ernesto Arrona Santiago eindrucksvolle Porträts der Mixtekin gemalt; sie zeigen, wie die Frau zu Lebzeiten ausgesehen haben könnte.

Menü mit Mageninhalt

Die Neandertaler aßen Kamille und Schafgarbe, darauf deuten jedenfalls Spuren der Kräuter, die Forscher auf Zähnen aus einer nordspanischen Höhle fanden. Wussten die Urmenschen also um deren heilende Wirkung und pflückten die Pflanzen gezielt? Nein, glauben die Anthropologen Laura Buck und Chris Stringer vom Natural History Museum in London und liefern jetzt im Fachblatt „Quarternary Science Reviews” eine andere Erklärung dafür, wie die bitteren Blätter ins Gebiss der Neandertaler geraten sein könnten: Die frühen Jäger, glauben die Forscher, hätten nicht nur das Fleisch erlegter Tiere, sondern auch deren Mageninhalt zu sich genommen. Als Beispiel für solche Essensvorlieben führen die Wissenschaftler die Aborigines und die Inuit an. In diesen Kulturen werden Inhalte von Känguru- beziehungsweise Rentiermägen noch heute gern gegessen. Sollte diese These stimmen, hätte sich für die Neandertaler die Zweitverwertung der teilverdauten Nahrung gelohnt – die zeit- und energieaufwendige Suche nach raren Pflanzen wäre ihnen dabei von den mobilen Beutetieren abgenommen worden. Allerdings schließen die Londoner Forscher nicht aus, dass die Neandertaler um die Heilwirkung der Pflanzen wussten. Sie könnten die Bitterkräuter deshalb mal als Medizin gesammelt und mal als Sättigungsbeilage zum Braten genossen haben.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 44/2013.

Luxusleben der Mönche

Mit einem dreifachen Spezialknoten binden Franziskanermönche eine Kordel um ihre Kutte. Der erste Knoten steht für Armut, der zweite für Ehelosigkeit und der dritte für Gehorsam. Zumindest mit dem ersten Gelübde nahmen es die Mönche des mittelalterlichen Franziskanerklosters von Leicester jedoch nicht so genau, wie neue Ausgrabungen zeigen. Ein Team um Mat Morris von der University of Leicester fand dort Knochen von Hühnern, Rindern und Schweinen. Die Ordensregeln schrieben den Mönchen vor, dass sie ihre Mahlzeiten erbetteln sollten. Fleisch war im Mittelalter ein großer Luxus: „Der Fund so vieler weggeworfener Tierknochen zeigt, dass die Mönche nicht so genügsam lebten, wie sie vorgaben”, sagte Morris in der Lokalzeitung „Leicester Mercury”. Die Archäologen fanden auch einen Dorn von einer Brosche oder Schnalle. Solcher Schmuck hat an der Kutte eines Franziskaners nichts zu suchen, die Kordel mit den Knoten ist die einzige erlaubte Zierde. Das Kloster von Leicester kam voriges Jahr zu Berühmtheit, als Forscher dort die sterblichen Überreste des englischen Königs Richard III. entdeckten. Der König war 1485 in der Schlacht von Bosworth gefallen und wurde auf dem Gelände des Klosters vergraben.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 31/2013.

Grausame Wikinger

Waren Wikinger zivilisierte Händler mit Hang zu den schönen Künsten oder doch eher blutrünstige Haudegen und Eroberer? Während Archäologen und Historiker in den vergangenen Jahren dazu tendierten, ein friedliches Bild der nordischen Seefahrer zu zeichnen, rückt die neueröffnete Ausstellung „Viking” im Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen wieder die Brutalität und Abenteuerlust der mittelalterlichen Skandinavier in den Mittelpunkt. Die Schau vereint Exponate aus zwölf europäischen Ländern, von denen einige noch nie öffentlich gezeigt wurden. Glanzstück ist das 36 Meter lange Kriegsschiff „Roskilde 6”, das zum ersten Mal in einer Ausstellung präsentiert wird. Weitere Objekte, die von gewaltdurchtränkten Alltag der Wikinger erzählen, sind eine Vielzahl an Waffen, eiserne Sklavenhalsringe aus Dublin sowie der konservierte Schädel eines Kriegers aus Gotland, der zu Lebzeiten nicht nur zahlreiche Schwerthiebe auf den Kopf überstand, sondern sich auch Zierrillen in die Zähne feilen ließ.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 27/2013.

Das englische Atlantis

Britischen Forschern ist es gelungen, große Teile der mittelalterlichen Stadt Dunwich zu kartieren, die vor der Ostküste Englands auf dem Meeresgrund liegt. Im 13. Jahrhundert war der Ort einer der bedeutendsten Häfen Britanniens – bis die Nordsee mit Sturmfluten über die Mauern hineinbrach. Da die Sicht unter Wasser in dem Gebiet schlecht ist, benutzten die Archäologen hochauflösendes Sonar, um dieses „englische Atlantis” zu vermessen. Sie fanden heraus, dass die Stadt mit einer Fläche von 1,8 Quadratkilometern fast so groß war wie das damalige London. Neben der Wallanlage um den Stadtkern orteten die Unterwasserkartografen auch die Überreste eines Klosters, mehrerer Kirchen und einer Kapelle. Ein weiteres großes Gebäude in der Innenstadt war vermutlich das Rathaus. Im Norden der Stadt lokalisierten die Wissenschaftler die hölzernen Hafenanlagen von Dunwich, wo einst Handelsschiffe aus ganz Europa anlegten.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 21/2013.

Steinzeit-Mischling

Wie sahen sie aus, die Mischlinge aus Neandertaler und modernem Homo sapiens? Auf ein Exemplar, das aus sexuellen Kontakten beider Spezies hervorgegangen sein könnte, sind Forscher um die Anthropologin Silvana Condemi von der Universität Aix-Marseille gestoßen. Von ihrer Untersuchung eines rund 35000 Jahre alten Unterkieferstücks berichten sie in der Zeitschrift Plos One. Die Analyse des bereits 1957 geborgenen Fragments habe ergeben, dass die aus den Knochen isolierte mitochondriale DNA von einer Neandertalerfrau stammte. Das markant ausgeprägte Kinn hingegen spricht dafür, dass Gene des Homo sapiens eingeflossen sind. Aus dem selben Fundstück hatten die Experten schon zuvor weitere Informationen über das Leben des vermeintlichen Hybriden gewonnen: So scheint er eine schwere Kieferentzündung durchlitten zu haben. Bei seinem Tod dürfte er kaum noch Zähne im Unterkiefer gehabt haben.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 15/2013.

Übersehener Schatz

Jean-Baptiste Croizet ahnte nicht, was er da in den Händen hielt. Zwischen 1830 und 1842 hatte der französische Pfarrer in der Auvergne einen Geweihknochen entdeckt, in den das Abbild eines Pferdes geritzt war. Wie sich nun zeigt, handelte es sich womöglich um den ersten Fund eines steinzeitlichen Kunstgegenstandes. Erst jetzt wurde eine wissenschaftliche Auswertung des 14000 Jahre alten Stückes veröffentlicht. Zu Croizets Zeiten war die Forschung nicht so weit, die Bedeutung des Knochen erkennen zu können: Alte, verzierte Gegenstände wurden generell als „keltisch“ klassifiziert. Mehr oder weniger unbeachtet überdauerte das Geweihstück in Vitrinen und Regalen des Natural History Museum in London, bis es 1989 wiederentdeckt und in den Jahren 2010 und 2011 näher untersucht wurde. Eine Micro-Computertomografie und eine Untersuchung im 3-D-Mikroskop brachten Details über die Arbeitsweise des altsteinzeitlichen Künstlers zutage. Die Geschichte des Geweihstücks ist nun in der britischen Zeitschrift „Antiquity“ erschienen, die Ergebnisse der Untersuchungen werden in der Mai-Ausgabe des „Journal of Archaeological Science“ publiziert.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 14/2013.

Gewalt gegen Steinzeitfrauen

Blutige Fehden gehörten bei den Steinzeitbauern zum Alltag. Doch anders als bisher angenommen, fielen den oft tödlich endenden Auseinandersetzungen nicht nur die kämpfenden Männer zum Opfer. Bei der Untersuchung von 378 prähistorischen Schädeln aus Dänemark und Schweden hat ein Team um die Archäologin Linda Fibiger von der University of Edinburgh festgestellt, dass sich Frauen ebenso häufig unter den Gemeuchelten befanden wie Männer: „Das Risiko, eine tödliche Kopfverletzung zu erleiden, war für beide Geschlechter gleich hoch”, berichtet Fibiger in der neuen Ausgabe des „American Journal of Physical Anthropology”. Insgesamt fanden die Wissenschaftler bei knapp 17 Prozent der Schädel aus Dänemark und bei über 9 Prozent der Schädel aus Schweden Spuren von schwerer äußerer Gewalteinwirkung. Warum dabei so viele Frauen zu Tode kamen, ist noch ungeklärt. Eine Vermutung der Experten: Wenn die Frauen bei plötzlichen Überfällen versuchten, ihre Kinder zu schützen, konnten sie sich „womöglich nicht mehr richtig selbst verteidigen”, spekuliert Fibiger gegenüber dem US-Wissenschaftsportal „LiveScience”.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 08/2013.

Gemmen im Gully

Welche Frau kennt das nicht: Beim Baden im Pool löst sich plötzlich der Ohrring und verschwindet in den Tiefen. Das ging offenbar schon den Schönen in der römischen Antike so. Die Archäologie-Doktorandin Alissa Whitmore von der University of Iowa hat jetzt analysiert, was in römischen Bädern so alles im Gully verschwand. Dazu untersuchte sie die Fundsachen aus Abflüssen ziviler und militärischer Thermen in Italien, Portugal, der Schweiz, Deutschland und Großbritannien aus dem 1. bis 4. Jahrhundert nach Christus. Zu den Trouvaillen zählten einerseits Parfümfläschchen, Fingernagelauskratzer und Pinzetten. Andererseits scheinen auch chirurgische Eingriffe in den Bädern stattgefunden zu haben, denn Whitmore fand auch ein Skalpell und mehrere Zähne. Würfel aus den Abflüssen erzählen, dass in manchen Thermen dem Glücksspiel gefrönt wurde. Andere Badebesucher brachten offenbar auch Handarbeiten mit, worauf Nadeln und Bruchstücke von Spindeln hindeuten. Nicht zuletzt förderte die Forscherin große Mengen Schmuck zutage: von antiken Haarnadeln, Perlen und Broschen bis hin zu Anhängern und wertvollen Gemmen.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 04/2013.