Auf der Erde herrscht immer noch babylonische Vielfalt: Forscher gehen von der Existenz von bis zu 7000 Sprachen aus. Ihren Ursprung haben sie in Afrika, von wo aus die Menschen später die Welt eroberten. Dies glaubt ein Wissenschaftler nun mit einer verblüffenden Theorie belegen zu können.
Skelette unter der Bahnhofshalle
Wenn demnächst Reisende in der neuen Halle der Londoner Liverpool Street Station ihre Fahrkarten lösen, dürften sie kaum ahnen, dass sie auf einer riesigen Grabstätte stehen. Während der Bauarbeiten stießen die hinzugezogenen Archäologen schon bei ersten Testgrabungen auf fast hundert Skelette. Offenbar verbirgt sich dort der verschollene Friedhof des Bethlem Hospital, der ältesten psychiatrischen Klinik der Welt. Bis ins 19. Jahrhundert vergruben erst die Mönche, die das Klosterhospital betrieben, und später auch Anwohner an diesem Ort ihre Toten. Dabei gingen sie wenig pietätvoll zu Werk: Bis zu sechs Skelette wurden pro Kubikmeter beigesetzt. Gegründet im Jahr 1247, begann das Priorat St. Mary Bethlehem ab 1377 mit der Behandlung von psychisch Kranken. Die Therapie bestand darin, die Insassen an die Wand zu ketten und, wenn sie aufbegehrten, mit der Peitsche zu disziplinieren. Gegen ein Eintrittsgeld von einem Penny konnten Schaulustige sie sogar besichtigen. Erst ab 1770 wurden die psychisch Kranken als Patienten angesehen.
Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 18/2011.
Segeln nach Sonnenstein
Erschienen in Geo, April 2011
Schon die Wikinger kannten womöglich einen Kompass – wenn auch keinen magnetischen
Manchmal dauert es auch heute noch lange, bis wissenschaftliche Untersuchungen die gebührende Beachtung finden.
Ein neuer Sammelband zum Thema polarisiertes Licht der Zeitschrift Philosophical Transactions enthält einen älteren Beitrag des Ungarn Gábor Horváth. Er vermutet seit Jahren, dass nicht nur Tiere polarisiertes Licht zur Navigation nutzen können, sondern auch Menschen.
Steine gegen Kakao
Jäger der Rüsseltiere
Gut verborgen war der vielleicht ältste Menschenschädel des amerikanischen Kontinents. Taucher der Höhlenforscherorganisation PET (Projecto Espeleológico de Tulum) entdeckten ihn nach einer über 1200 Meter langen unterirdischen Reise durch die Kalksteinhöhlen der mexikanischen Halbinsel Yucatán. Hat der vor mehr als 10 000 Jahren Gestorbene Rüsseltiere gejagt? Sein Schädel lag zwischen den Überresten eines Mastodons. Diese Riesensäuger bevölkerten einst den nordamerikanischen Kontinent und starben erst nach Ankunft des Menschen dort aus. Zwar sind von den ersten Bewohnern der Neuen Welt, den sogenannten Paläoindianern, Hinterlassenschaften wie Werkzeuge und Waffen bekannt, jedoch kaum Knochenfunde. Das macht den Schädel aus der Hoyo Negro (Schwarzes Loch) genannten Unterwasserhöhle so bedeutsam. Dieser Fund ist der Heilige Gral der Unterwasser-Höhlenforschung, freut sich Mit-Entdecker Alex Alvarez. Die Taucher hatten ihre Ausrüstung mühsam durch den dichten Wald zum Einstieg der Höhlensystems schleppen müssen. Die weitläufigen Kalksteinhöhlen Yucatáns lagen im Jungpleistozän (bis vor rund 12 000 Jahren) noch trocken; die frühen Siedler Mexikos konnten ungehindert hineinspazieren. Doch vor rund 11 800 Jahren war der Meeresspiegel so weit angestiegen, dass sie voll Wasser liefen – so wurden das Mastodon und sein mutmaßlicher Jäger konserviert.
Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 12/2011.
Chronisten aus Holz
Erschienen im Spiegel 11/2011
Die Jahresringe uralter Baumriesen in Mexiko enthüllen frühere Dürreperioden. Führten die verheerenden Trockenzeiten zum Untergang der mittelamerikanischen Hochkulturen?
The King’s Blood
War König Heinrich VIII. von England ein kranker Mann? Bekannt ist, dass sich der gelehrte und sportbegeisterte Herrscher am Ende seines Lebens in einen kränklichen und griesgrämigen Tyrannen verwandelte. Zwei US-Wissenschaftlerinnen glauben darin die Anzeichen eines Erbleidens erkennen zu können. Die Archäologin Catrina Whitley und die Anthropologin Kyra Kramer haben bei der Queen bereits um Erlaubnis angefragt, den 1547 verstorbenen Monarchen zu exhumieren. In Heinrichs DNA wollen sie nach Hinweisen auf sogenannte Kell-Antigene suchen, wie sie sich nur bei etwa 0,2 Prozent der Bevölkerung finden. Ein reinerbiger Träger Kell-positiven Bluts kann sich nur bedingt mit einer Trägerin Kell-negativen Bluts fortpflanzen – was die vielen Fehlgeburten von Heimrichs ersten beiden Frauen, Katharina von Aragón und Anne Boleyn, erklären würde. Außerdem können Kell-positive Menschen am McLeod-Syndrom leiden, einer seltenen Genmutation auf dem X-Chromosom. Menschen mit dieser Krankheit zeigen oft frühzeitig Anzeichen körperlichen und seelischen Verfalls, wie sie auch für Heinrich nach seinem 40. Lebensjahr überliefert sind. Das britische Königshaus hat sich zum Anliegen der Forscherinnen noch nicht geäußert.
Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 10/2011.
Wächter in der Nacht
Mit dem Bau des ersten Wolkenkratzers der Welt haben die Bewohner von Jericho vor rund 10 000 Jahren offenbar ein Bollwerk gegen die Finsternis geschaffen. Sie errichteten einen über acht Meter hohen steinernen Turm – und zwar genau an jener Stelle, an der am Abend der Sommersonnenwende der Schatten des nahe gelegenen Karantal-Gipfels ihre Siedlung zu verdunkeln begann. Dass die Position des Turmes tatsächlich mit dem Schattenfall übereinstimmt, haben die beiden Archäologen Roy Liran und Ran Barkai von der Tel Aviv University in einer 3-D-Computersimulation nachgewiesen. Dieser Moment ist dramatisch, berichten die Wissenschaftler im Fachblatt Antiquity; während der Schatten des Karantal die ersten Häuser der Siedlung in Dunkelheit tauchte, strahlte die Spitze des Bauwerks noch minutenlang im Sonnenlicht. Wir nehmen an, dass der Turm als Wächter gegen die Gefahren errichtet wurde, die im Zwielicht der letzten Strahlen der sterbneden Sonne lauern, schreiben die Forscher mit einem Anflug von Poesie. Unter den Fachgelehrten gilt der 1952 entdeckte neolithische Bau als eines der ältesten Steinmonumente in der Geschichte der Menschheit.
Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 09/2011.
Die wilden Ponys aus dem Dartmoor
Im Süden Englands leben rund 3000 Ponys frei in einem riesigen Moorgebiet. Nur einmal im Jahr treiben ihre Besitzer sie zusammen: Dartmoorponys sind bei Züchtern und Reitern beliebt.
Wracks im Giftschlamm
Nach dem neuesten Fund von John Vetter wird kaum ein Schatztaucher freiwillig tauchen wollen. Der Archäologe entdeckte mit Hilfe von Sonartechnik vier Schiffswracks auf dem Grund des Gowanus Canal – eines der wohl dreckigsten Gewässer von New York City. Vetter gehört zu einem Team von Forschern, die im Auftrag der US-Umweltbehörde die Verschmutzung des Kanals untersuchten, wozu formal auch die archäologischen Funde gehören: ein 18 Meter langes Holzboot, das noch aus dem 17. Jahrhundert stammen könnte, zwei Frachtkähne von 38 und 33 Metern Länge sowie ein kleineres Boot. Der neue Report der Umweltbehörde listet aber auch ernsthafte Ökoprobleme auf, hohe Konzentrationen an polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen etwa, die zum Teil krebserregend sind. Eine Sprecherin der Umweltbehörde riet, jeden Kontakt mit dem Wasser des Kanals dringend zu vermeiden.
Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 08/2011.