Erschlagen und geröstet

Wenn im Königreich der Ur in Mesopotamien (heute Irak) ein Herrscher starb, ging er nie alleine ins Jenseits. In den 4500 Jahre alten Königsgräbern der Stadt Ur fanden Ausgräber reihenweise geopferte Angehörige des Hofstaates. Doch die waren ihrem König nicht ganz freiwillig in den Tod gefolgt, wie Janet Monge von der University of Pennsylvania bei einer näheren Betrachtung der Knochen jetzt herausgefunden hat. Die Anthropologin untersuchte zwei Schädel, die bereits bei Ausgrabungen in den 1920er Jahren geborgen worden waren, mit modernen forensischen Methoden wie der Computertomografie. Gruseliger Befund: In den Schädeln klafften Löcher von etwa zweieinhalb Zentimetern Durchmesser. Von den Rändern aus liefen jeweils sternförmig Risse in den umliegenden Knochen. Solche Wunden entstehen, wenn ein spitzer Gegenstand in den Schädel getrieben wird – und zwar in den eines lebenden Menschen. Anschließend waren die Opfer offenbar langsam verbrutzelt worden. Die Hitzespuren an den Knochen stammten eindeutig von einer allmählichen Erwärmung – wie bei einem Röstvorgang. Monge schließt daraus, dass versucht wurde, die Toten zu konservieren – womöglich um den Verwesungsprozess für die eventuell längere Dauer der Begräbnisfeierlichkeiten aufzuhalten.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 46/2009.

Fundgrube U-Bahn-Bau

Während der Vorarbeiten für die neue Metrolinie C durch das Stadtzentrum Roms haben die Archäologen schon häufiger verloren geglaubte Gebäude entdeckt. Ihr neuester Fund ist das Athenäum des Hadrian. Der Kaiser hatte das Auditorium im Jahre 133 nach Christus als kulturelle Veranstaltungs- und Bildungsstätte in Auftrag gegeben. Auf der Bühne verlasen Dichter ihre Werke, Denker diskutierten über philosophische Themen. Bis zu 200 Zuhörer fanden auf marmornen Sitzstufen Platz, welche die Ausgräber jetzt an der Piazza Venezia freigelegt haben. Die Forscher entdeckten auch einen Korridor und einen Marmorfußboden des Bauwerks. Der größte Teil der neuen Metrolinie soll in 25 bis 30 Metern Tiefe verlaufen – weit unterhalb der archäologischen Schichten. Für die Eingänge zu den Stationen und die Belüftungsschächte müssen die Planer jedoch immer wieder Platz zwischen den antiken Monumenten im Boden Roms finden. Allein an der Piazza Venezia entdeckten die Archäologen – ohne die kein Spatenstich getan werden darf – bei den Vorarbeiten bereits eine römische Taverne sowie die Fundamente eines Palastes aus dem 16. Jahrhundert. Der Eingang der Metrostation soll nun dicht neben dem Athenäum des Hadrian entstehen – an einer Stelle, an der bisher nur ein antiker Abwasserkanal gefunden worden ist.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 45/2009.

Antike Riesenwelle

Vor der Küste Israels hat eine Gruppe von Wissenschaftlern Spuren eines Tsunamis gefunden, der sich nach einem gewaltigen Ausbruch des Vulkans von Santorin offenbar durch das gesamte östliche Mittelmeer wälzte. Die Folgen der Katastrophe, die sich vermutlich zwischen 1630 und 1550 vor Christus ereignete, waren für die umliegende Inselwelt verheerend. Möglicherweise basiert auf dem Ereignis sogar der Atlantis-Mythos – der plötzliche Untergang einer ganzen Zivilisation. Die Welle, die dem Ausbruch folgte, muss gewaltig gewesen sein; denn die israelische Küste liegt rund tausend Kilometer von der ägäischen Vulkaninsel entfernt. In so großem Abstand vom Ort der Eruption entfernt hatte die Geoarchäologin Beverly Goodman jedenfalls nicht mit entsprechenden Spuren der Katastrophe gerechnet. Doch bei Bohrungen in einer Wassertiefe zwischen 10 und 20 Metern vor der Küste der antiken Stadt Caesarea Maritima stießen sie und ihr Team auf eine bis zu 40 Zentimeter dicke Schicht von Ablagerungen, wie sie typischerweise nach einem Tsunami entstehen. Die Datierung der Sedimentschicht legt nahe, dass die Riesenwelle mit dem Ausbruch des Vulkans auf Santorin in Verbindung stand. „Das würde auch erklären, warum im östlichen Mittelmeerraum entlang der Küste für die Zeit unmittelbar nach der Katastrophe in der Ägäis ein überraschender Mangel an archäologischen Stätten herrscht“, sagt Goodman.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 45/2009.

Unterirdische Heimstatt des Minotaurus

Hielt König Minos den gefährlichen Minotaurus gar nicht in seinem Palast in Knossos gefangen? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein griechisch-britisches Expeditionsteam unter der Leitung des Geografen Nicholas Howarth von der University of Oxford. Die Höhlenforscher untersuchten ein Tunnelsystem in einem alten Steinbruch nahe der kretischen Stadt Gortyn, gut 30 Kilometer von Knossos entfernt. „Wenn der Legende ein echtes Labyrinth zugrunde liegt, dann ist es dieses“, erklärt Howarth. Insgesamt zweieinhalb Kilometer lang, stoßen die Gänge hier in unregelmäßigen Winkeln aufeinander und enden vielerorts in Sackgassen. „Es ist stockdunkel da unten und so unübersichtlich, dass man sich sehr leicht verirren kann“, berichtet Howarth. Die heute geläufige Legende, dass der Minotaurus in den Gängen des Palastes von Knossos hauste, geht vornehmlich auf die Auslegung des britischen Archäologen Sir Arthur Evans zurück, der die Palastanlage zu Beginn des vorigen Jahrhunderts ausgrub. Dabei kannten die Einheimischen die Höhlen von Gortyn schon lange vor Evans‘ Entdeckung – und gaben ihnen den Namen Labyrinthos. „Wir fanden Dutzende von uralten Fadenresten an den Wänden – als ob die Leute hier schon oft die Legende von Theseus nachgespielt hätten, der mit Hilfe eines Fadens seinen Weg durch das Labyrinth fand und schließlich den Minotaurus tötete“, sagt Howarth.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 44/2009.

Doubles für Präsidenten

Erschienen in Geo, November 2009
Technik Die Skulpturen von Mount Rushmore werden gescannt, um sie bei Zerstörungen wiederherstellen zu können
US-Präsidnten haben viele Feinde – selbst wenn sie aus Stein gehauen sind wiedie Köpfe von George Washington, Thomas Jefferson, Abraham Lincoln und Theodore Roosevelt am Mount Rushmore im Bundesstaat South Dakota. Den 18 Meter hohen Skulpturen, die zwischen 1927 und 1841 modelliert worden sind, droht Gefahr nicht nur durch die Verwitterung.
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Schlammgräber buddeln Schätze aus dem Themse-Schlick

Edelsteinsplitter, Reste von Kettenhemden, Fußfesseln – Hobby-Historiker entdecken im Schlamm der Themse die Londoner Geschichte neu. SPIEGEL ONLINE war zwischen Millennium Bridge und Tower unterwegs, wo seit einiger Zeit sogar indische Opfergaben angeschwemmt werden.

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