Neandertaler nähten sich Schlafanzüge

Die Neandertaler waren womöglich weit besser bekleidet als nur mit locker um die Hüften geschwungenen Lendenschurzen. Der Steinzeitmensch – der etwa 1,65 Meter groß wurde und um die 80 Kilo wog – habe sich mit einer hauteng genähten Schutzhülle aus Tierhaut vor den tiefen Temperaturen des nordeuropäischen Winters schützen müssen, behauptet der dänische Physiker Bent Sørensen in der aktuellen Ausgabe des „Journal of Archaeological Science“. Eine Körperoberfläche von 1,87 Quadratmetern erfordere nackt Temperaturen von 27 Grad Celsius, um im Schlaf keinen bedrohlichen Energieverlust zu erleiden, rechnet Sørensen vor. Doch selbst zur wärmsten Zeit im Juli ist die Temperatur nachts auf knapp über 17 Grad abgesunken. Funde von Neandertaler-Mode in der Nähe von Stuttgart stützen seine These.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 28/2009.

Das Lächeln des Todes

Erschienen in Geo, Juli 2009
geschichte – Forscher haben die giftige Pflanze gefunden, deren Extrakt das »sardonische Grinsen« auslöst
Auf Sardinien gab es in vorrömischer Zeit einen grausi-gen Brauch: Wer zu alt war, um sich selbst zu versorgen, den erschlugen seine Söhne oder stießen ihn die Klippen hinab. So jedenfalls berichtete es der griechische Geschichtsschreiber Timaios. Weiterlesen

Wikinger blieben doch länger in Amerika

Sie kamen, trafen auf den erbitterten Widerstand der indianischen Ureinwohner – und verzogen sich bald wieder. So jedenfalls ging die bisherige Version von der Stippvisite der Wikinger in Nordamerika um das Jahr 1000 nach Christus. Nun aber hat die Archäologin Pat Sutherland vom Canadian Museum of Civilization eine Reihe von Beweisen zusammengetragen, nach denen die nur kurz bewohnte Siedlung von Leif Eriksson und seinen 35 Gefolgsleuten im neufundländischen L’Anse aux Meadows nicht der einzige Ort in Kanada war, wo die Nordländer sich niederließen. Etwa 1500 Kilometer nordwestlich des bekannten Dorfs entdeckte Sutherland auf der Baffininsel nahe Nanook längere Zeit bewohnte Behausungen aus Stein. Diese Bauweise kannten die dort um die Jahrtausendwende lebenden Ur-Amerikaner nicht – wohl aber die Seefahrer aus dem fernen Island. Gleiches gilt für ein steingefasstes Entwässerungssystem, auf das Sutherland dort gestoßen ist. Auch Holzverzierungen mit typischen Mustern sprechen dafür, dass die Nordmänner es wohl doch länger in der Neuen Welt ausgehalten haben als gedacht.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 25/2009.

Beweisstück gegen den Schöpfungsglauben

Britische Forscher haben in den Magazinen des Natural History Museum in London einen rund 400 000 Jahre alten Faustkeil wiederentdeckt, der seit 150 Jahren verschollen war. Das von Menschenhand hergestellte Werkzeug hatten englische Gelehrte im 19. Jahrhundert in einem Steinbruch nahe der nordfranzösischen Stadt Amiens inmitten von Mammut- und Wollnashornknochen gefunden. Das Artefakt hatte seinerzeit das Weltbild der Biebelgläubigen erschüttert, die nach den Lehren des im 17. Jahrhundert lebenden Erzbischofs Ussher glaubten, Gott habe die Menschen im Oktober 4004 vor Christus geschaffen. Nur kurze Zeit nach seiner Entdeckung war „der Stein, der die Zeitbarriere durchbrach“, wie es ein prominenter Archäologe formulierte, spurlos verschwunden. Erst jetzt haben der Geograf Clive Gamble und der Paläontologe Robert Kruszynski das berühmte Beweisstück unter Tausenden prähistorischen Werkzeugen in den Archiven zum zweiten Mal ausfindig gemacht. Auf dem behauenen Flint mit der Inventarnummer E 5109 klebte ein kleines weißes Schildchen aus viktorianischer Zeit mit dem Vermerk: „St Acheul, Amiens. 1 Fuß unter der Oberfläche, April 27 – 59” – der Faustkeil ist damit genau auf jenes „annus mirabilis 1859” datiert, in dem auch der Naturforscher Charles Darwin mit seiner Abhandlung über die „Entstehung der Arten ” den Glauben an die göttliche Schöpfung ins Wanken brachte.

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 24/2009.

Knochenmüll aus der Ärzteschule

Dass Archäologen Knochen finden, gehört zu ihrem Geschäft. Dass sie aber vor einer Grube voller abgesägter Körperteile stehen, kommt nicht alle Tage vor. Was bei den Bauarbeiten für den neuen Campus der University of Worcester ans Tageslicht kam, waren allerdings nicht Hinweise auf finstere Verbrechen, sondern Überbleibsel einer Sternstunde der Medizin: „Dies ist ein Zeugnis aus den Kindertagen der Chirurgie”, erklärt Stadtarchäologe Simon Sworn. Denn wo bald die Studenten in neue Wohnheime ziehen sollen, stand bislang die Worcester Royal Infirmary, das alte Krankenhaus der Stadt. Und hier, knapp 50 Kilometer südwestlich von Birmingham, wurde im Jahr 1832 die British Medical Association gegründet. Im gleichen Jahr trat der Anatomy Act in Kraft, der es britischen Ärzten erlaubte, Tote ohne Angehörige für die Forschung zu verwenden. Zuvor mussten sich die Forscher mit den Leichen Krimineller als Lehrmaterial begnügen – zu wenige für eine sinnvolle Forschung. „Wir haben von der Syphilis angegriffene Knochen gefunden, die für eine nähere Untersuchung aufgesägt waren”, berichtet Sworn. Aber auch Knochen von Schweinen, Pferden und Rindern lagen zwischen den menschlichen Gebeinen. „An einigen davon haben wir gleich mehrere Sägeansätze gefunden – als ob Studenten hier eifrig Amputationen geübt hätten.”

Erschienen in Prisma, Spiegel (Printausgabe) 23/2009.